Luke Schaaf stellt an der Sophie-Scholl-Schule Gießen die bewegende Biografie der Holocaust-Überlebenden Ruth Wertheim vor

Gießen. Anlässlich des Todestages von Sophie Scholl am 22. Februar war der 18-jährige Luke Schaaf zu Gast an der Sekundarstufe der Sophie-Scholl-Schule Gießen. In einem bewegenden Vortrag stellte der Zwölftklässler der Theo-Koch-Schule Grünberg die Lebensgeschichte der Holocaust-Überlebenden Ruth Wertheim vor – einer jungen Frau aus Mittelhessen, deren Schicksal eindringlich vor Augen führt, wohin Ausgrenzung und Menschenverachtung führen können.

Bereits im Vorfeld war das Thema in allen Klassen der staatlich anerkannten Gesamtschule in freier Trägerschaft der Lebenshilfe Gießen intensiv vorbereitet worden. Susanne Hild aus dem Schulleitungsteam betonte zudem, dass Lehrkräfte nach der Veranstaltung für Gespräche bereitstünden, sollte es weiteren Redebedarf geben.

„Ich möchte eine Geschichte erzählen – eine traurige, aber auch wichtige“, eröffnete Luke Schaaf seinen Vortrag. Bereits in der 8. Klasse war er im Rahmen einer AG erstmals auf Ruth Wertheim aufmerksam geworden. „Ich hatte bis dahin im Unterricht noch nichts über den 2. Weltkrieg oder den Holocaust gehört“, berichtete er. Aus dem anfänglichen Schulprojekt entwickelte sich für ihn eine intensive persönliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der jungen Frau aus Londorf.

Ursprünglich sollte die AG-Arbeit in einer Präsentation für Nachfahren münden. Doch für Schaaf war schnell klar: „Ich kann damit nicht aufhören, ich muss weitermachen.“ In einer E-Mail bat er seine Lehrerin schließlich: „Lassen Sie mich ein Buch schreiben.“ Schaaf nahm mehrfach Kontakt zu Angehörigen Ruth Wertheims in den USA auf und vertiefte seine Nachforschungen. Nach vier Jahren intensiver Recherche soll die Lebensgeschichte Ruth Wertheims unter dem Titel „A Life after Auschwitz“ noch in diesem Jahr erscheinen.

Ruth Wertheim wurde am 28. März 1927 in Gießen geboren und wuchs in Londorf auf. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich ihr Leben grundlegend. Als einziges jüdisches Kind ihrer Schule erlebte sie früh Ausgrenzung und Diskriminierung. 1942 wurde sie gemeinsam mit ihrer Familie deportiert. Über Theresienstadt wurde sie nach Auschwitz verschleppt, wo ihre Eltern und ihre Schwester ermordet wurden. Ruth überlebte als einzige aus ihrer Kernfamilie. Am 5. Mai 1945 wurde sie im Alter von 18 Jahren befreit – im gleichen Alter, in dem Luke Schaaf heute ihre Geschichte weitererzählt. Nach dem Krieg emigrierte sie in die USA und baute sich dort ein neues Leben auf. Sie starb 1994 in Florida.

Luke Schaaf stellt ihre Biografie bewusst an Schulen vor: „Wir müssen aus der Vergangenheit und für die Zukunft lernen. Hier ist der Ort der Zukunft. Wir sind eine junge Generation und wir gestalten gemeinsam, in welcher Welt wir leben möchten, wie wir miteinander sprechen, uns behandeln und respektieren. Wir alle gemeinsam haben mehr Macht, als wir glauben. Wir können uns für das einsetzen, was uns wirklich wichtig ist.“ Seine Recherchen seien nicht nur für die Nachfahren Ruth Wertheims berührend, sondern vor allem „wichtig für heute. Ich sehe, dass es immer notwendiger wird, sich für Demokratie und Toleranz einzusetzen.“

Susanne Hild unterstrich die Relevanz solcher Veranstaltungen für die Schulgemeinschaft: „Persönliche Lebensgeschichten wie die von Ruth Wertheim machen Geschichte greifbar. Sie eröffnen unseren Schülerinnen und Schülern einen emotionalen Zugang und fördern zugleich historisches Bewusstsein und demokratische Haltung.“

Nach einer ausgiebigen Fragerunde richtete Luke Schaaf noch einen eindringlichen Appell an die Zuhörerinnen und Zuhörer: „Was ihr aus diesem Vortrag mitnehmt, entscheidet ihr. Und auch, welche Menschen ihr sein wollt.“

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